Effizienz ist nicht dein Problem
- Silvia Peter

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Viele Unternehmen investieren aktuell enorm viel in Effizienz. Prozesse werden optimiert, KI eingeführt und Abläufe verschlankt. Und trotzdem bleibt bei vielen Führungspersonen und Teams ein Gefühl: Es kostet immer noch zu viel Energie. Vielleicht verlieren Organisationen ihre Energie gar nicht primär im Prozess, sondern im menschlichen Miteinander?

Warum Unternehmen oft am falschen Ort optimieren
In vielen Unternehmen wird aktuell enorm viel in Effizienz investiert. Prozesse werden verschlankt. Meetings gekürzt. KI-Tools eingeführt. Automatisierungen aufgebaut. Rollen geklärt. Abläufe standardisiert. Und trotzdem bleibt bei vielen Führungspersonen und Teams ein Gefühl zurück, das sich erstaunlich hartnäckig hält:
«Es kostet immer noch zu viel Energie.» Das Spannende daran ist: Die meisten Organisationen interpretieren dieses Gefühl sofort als weiteres Effizienzproblem. Also wird noch mehr optimiert. Noch mehr beschleunigt. Noch mehr strukturiert. Dabei liegt der eigentliche Energieverlust oft ganz woanders: zwischen den Menschen.
Der blinde Fleck vieler Organisationen
Effizienz ist wichtig. Natürlich. Ohne funktionierende Prozesse entsteht Chaos. Ohne Klarheit verlieren Unternehmen Fokus. Und gerade in einer komplexen Arbeitswelt helfen gute Systeme dabei, Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Das Problem beginnt dort, wo Effizienz zum alleinigen Lösungsansatz wird. Denn viele Unternehmen versuchen heute, Energieverluste mit Produktivitätsmassnahmen zu lösen. Sie fragen:
«Wie können wir schneller werden?», «Wie können wir mehr leisten?», «Wie können wir noch effizienter arbeiten?».
Die wichtigere Frage wäre oft: «Wo verlieren wir eigentlich Energie?»
Denn Energieverlust entsteht selten nur durch ineffizientes Arbeiten. Häufig entsteht er durch permanente zwischenmenschliche Reibung im Alltag. Durch Dinge, über die kaum gesprochen wird.
Die unsichtbaren Energiefresser
Ich höre in meiner Arbeit immer wieder ähnliche Themen: Unausgesprochene Erwartungen. Nicht geführte Gespräche. Konflikte, die seit Monaten unter der Oberfläche liegen. Entscheidungen, die niemand nachvollziehen kann. Führungskräfte, die zwischen operativem Druck und strategischer Verantwortung festhängen. Teams, die funktionieren, aber keine echte Verbindung mehr haben.
Nach aussen wirken viele Unternehmen schnell mal stabil, professionell und leistungsfähig. Im Innern erleben Mitarbeitende jedoch häufig Zusammenarbeit, die enorm viel Energie kostet. Nicht unbedingt, weil sie zu viel arbeiten. Sondern weil Zusammenarbeit unglaublich viel Energie ziehen kann, wenn Klarheit, Vertrauen und psychologische Sicherheit fehlen. Dann entstehen endlose Abstimmungsschleifen. Vorsicht statt Verantwortung. Politisches Verhalten. Rückzug. Innerliche Distanz. Und genau das lässt sich nicht mit einem neuen Tool lösen.
Effizienz ohne Verbindung macht Menschen nicht stärker
Besonders sichtbar wird das aktuell rund um das Thema KI. Viele Unternehmen erwarten, dass KI sofort Effizienz erzeugt: möglichst ohne grössere Reibung, ohne echten Investitionsaufwand und ohne längere Lernphase. Dabei erfordert nachhaltige Veränderung meist genau das Gegenteil: Zeit, Orientierung, Lernen, Gespräche, Unsicherheitstoleranz und Führung.
Ein Leser hat mir dazu kürzlich etwas Spannendes geschrieben: In Effizienz werde heute oft nicht investiert, sondern sie werde einfach gefordert. Ich fand diesen Gedanken sehr treffend, weil ich genau dieses Spannungsfeld in meinem Praxisalltag immer wieder beobachte. Im Alltag verdrängt das Operative permanent das, was langfristig wichtig wäre. Kurzfristige Leistung dominiert Entwicklung, Innovation und Zukunftsgestaltung. Das Problem dabei: Entwicklung braucht Raum. Und Raum entsteht nicht von allein. Er muss bewusst geschaffen werden.
Warum Führung dabei eine zentrale Rolle spielt
Ich glaube, dass viele Unternehmen den Einfluss zwischenmenschlicher Dynamiken auf ihre Führungskultur massiv unterschätzen. Führung wird häufig vor allem operativ verstanden: entscheiden, priorisieren, steuern, liefern.
Aber Führung prägt vor allem die Qualität der Zusammenarbeit:
Ob Menschen Konflikte ansprechen.
Ob Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen.
Ob Vertrauen entsteht.
Ob Beteiligung ernst gemeint ist.
Ob Menschen sich als reine Ausführende erleben, oder als Mitgestaltende.
Genau dort entscheidet sich, ob Veränderung Energie freisetzt oder Energie entzieht. Denn leistungsfähige Zusammenarbeit entsteht nicht dort, wo es keine Spannungen gibt. Vielmehr durch echte Verbindung, mit der Fähigkeit, Spannungen auszuhalten oder durch das Ansprechen von Konflikten. Denn die Abwesenheit von Konflikten bedeutet nicht automatisch, dass alles gut ist. Oft bedeutet sie einfach, dass Menschen innerlich längst aufgegeben haben, etwas anzusprechen.
Vielleicht liegt die nächste Entwicklungsstufe woanders
Vielleicht besteht also die nächste Entwicklungsstufe von Organisationen nicht darin, noch effizienter zu werden. Sondern bewusster mit Energie umzugehen. Zu verstehen, was Menschen Kraft kostet. Und was Menschen Energie gibt. Denn Engagement entsteht nicht allein durch optimierte Prozesse. Es entsteht dort, wo Menschen Sinn erleben. Wo sie ihren persönlichen Mehrwert erkennen. Wo sie beteiligt werden. Wo Führung Orientierung gibt. Wo Vertrauen wächst. Wo Entwicklung nicht als zusätzliche Belastung erlebt wird, sondern als etwas, das Menschen mitgestalten dürfen.
Genau dort beginnt nachhaltige Veränderung.
Ein Gedanke zum Schluss
Ich glaube, Führungspersönlichkeiten sollten weniger oft die Effizienzfrage stellen, und dafür häufiger Fragen wie «Wo verlieren wir gerade unnötig Energie?» oder «Welche Gespräche führen wir nicht?». Denn wenn wir diese Fragen richtig gut und vor allem auch regelmässig klären, entsteht Effizienz ganz nebenbei.
Bereit, den echten Energieverlust sichtbar zu machen?